Malochen, ranklotzen, anne Schüppe sein: Wer im Ruhrgebiet lebt, versteht es auf die ganz eigene rustikal-blumige Weise, die das Ruhrdeutsche innehat, den Einsatz im Job zu beschreiben. Stolz wird sich dabei meist jener Worte bedient, die ihren Ursprung tatsächlich in körperlich schwerer Arbeit haben. So kam das aus dem Jiddischen stammende „Malochen“ über Bergarbeiter aus Oberschlesien in den Pott und verbreitete sich schnell in den Kohleabbaugebieten unserer Region. Untrennbar schien, Jahrzehnte lang, die Identität, die „auf Arbeit“ und auch „auffe Couch“ im Privaten gebildet und gelebt wurde, mit einer gewissen Anpacker-Ethik verbunden. Echte Heimatliebe nur dann, wenn es unter den Fingernägeln tiefschwarz schimmert.

Mein Opa etwa hatte in seinem Arbeitsleben vier Berufe (von Maurer bis Kranführer) und 19 Arbeitgeber. Gab es bei der einen Stelle nichts mehr wegzuschaffen, wechselte er eben dorthin, wo fleißige Hände gebraucht wurden. Am liebsten malochte er ohne Anleitung oder, wie er es empfand, Bevormundung von Vorgesetzten. Unbürokratisch, schnell und mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Und nach Feierabend schaffte er auf Familienbaustellen gleich weiter. Seine Nachbarn, seine Freunde: Die meisten hatten damals ähnliche Biografien. Kannste was, biste was! Mein Opa und viele seiner Weggefährten sind heute mittlerweile tot. Und für kritische Stimmen ist die Malocher-Mentalität ebenfalls beerdigt und besonders für Außenstehende längst nur noch pure Romantisierung.

„Schufteten dort 1961 61,3 Prozent der Erwerbstätigen im Ruhrgebiet und nur 36,3 Prozent in Verwaltung, Handel oder Gesundheitswesen, ist es heute genau umgekehrt. Mittlerweile stellen noch circa 27 Prozent der Berufstätigen etwas her.“

Anna Hag, Autorin

Sind wir im Revier wirklich nicht mehr die bodenständigen Durchhalter, die Krisen trotzen und „auf Kohle geboren und mit Stahl in den Adern“, wie es pathetisch formuliert wird, sogar eine Art Vorbildfunktion haben? Wollen wir vielleicht gar nicht mehr „Kumpel“ sein, das Sinnbild für den ehrlichen, rauen Menschenschlag, der nicht lange fackelt, sondern handelt?

Die ersten Fakten sprechen gegen uns. Ja, im Laufe der 700 Jahre Steinkohlebergbau gab es ca. 1300 Bergwerke im Ruhrgebiet Aber wir können auch nicht leugnen, dass auf der letzten Zeche, Prosper Haniel, bereits seit 2018 Schicht im Schacht ist. Und das Hüttenwerk Meiderich, das einst durch August Thyssen entstand, ist heute Tauchgasometer. Um nur ein Beispiel für den Bedeutungsverlust von Eisen und Stahl zu nennen. Schufteten dort 1961 61,3 Prozent der Erwerbstätigen im Ruhrgebiet und nur 36,3 Prozent in Verwaltung, Handel oder Gesundheitswesen, ist es heute genau umgekehrt. Mittlerweile stellen noch circa 27 Prozent der Berufstätigen etwas her.

Auch die harten Zahlen kratzen eher am Anpacker-Selbstbewusstsein. War das Malocher-Image in den 50er-Jahren untrennbar mit Vollbeschäftigung verbunden, zeigen die letzten validen Statistiken von 2023 eine Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent für die Metropolregion Ruhr und sogar gut 14 Prozent für den Revier-Spitzenreiter Gelsenkirchen. Und wenn wir schon beim Jammern sind, müssen wir ebenfalls der Tatsache ins Auge sehen, dass wir offenbar sogar länger krank sind als der Landesdurchschnitt. Mit 23,3 AU-Tagen pro Beschäftigtem hat Nordrhein-Westfalen 2022 den höchsten Wert seit mehr als einem Jahrzehnt erreicht. Vor allem Husten, Schnupfen und Muskel-Skelett-Erkrankungen hielten Beschäftigte im Revier vom Ranklotzen ab.

Angesichts solcher Statistiken wäre es leicht, einzustimmen in das selbst von Politikern, speziell früheren NRW-Landesvätern, besungene Klagelied, das Ruhrgebiet sei eben eine seit Jahrzehnten benachteiligte Region. Viel zu oft im Stich gelassen beim Versuch, den Strukturwandel zu meistern. Dabei ist schon der Begriff Strukturwandel Kern des Problems oder zumindest eine entscheidende Zutat zur Problematik. Ein Strukturwandel, so die Definition, liegt dann vor, wenn die Bedeutung eines Sektors stark abnimmt und die eines anderen an großer Wichtigkeit gewinnt. Unterschieden werden dabei in der Wirtschafterminologie der primäre Sektor (Landwirtschaft), der sekundäre (Industrie) und der tertiäre (Dienstleistungssektor).

Solche Bedeutungsverschiebungen gibt es seit Jahrhunderten und das weltweit. Sie sind ganz sicher nicht das einzigartige Korsett, in das das Revier gezwängt wurde. Unser Gefühl, an der Transformation oder dem Change-Prozess, wie hochbezahlte Coaches es heute gern nennen, gescheitert zu sein, liegt eher an der zweiten Definition des Begriffs. Diese sieht den Strukturwandel als Bedeutungsverlust einer Region zugunsten einer anderen. Als eine Ausradierung des Ruhrgebiets aus der Landkarte fühlt sich das für uns an.

Ammoniak-Halle

Und unsere Schwierigkeiten liegen auch in einer viel zu hohen Erwartungshaltung an uns selbst und an einer hausgemachten Verkomplizierung des Identitätsbegriffs. Während in Berlin etwa jedes noch so kleine Start-up gefeiert wird, die Ideengeber sich in hippen Büros und lässigem Hoodie und statt auf Stühlen im Schneidersitz auf dem Boden sitzend fotografieren lassen, scheuen wir schon den Begriff Start-up. Weil es erstmal nicht nach ehrlicher Maloche klingt. Dabei ist es genau das, nur anders. Statistisch gesehen wurden im Jahr 2020 circa stolze 1,3 Start-ups pro Tag in Nordrhein-Westfalen gegründet. Die Gesamtzahl der Gründungen entspricht damit einem Anteil von etwa 17% aller in dem Jahr in Deutschland gegründeten Start-ups. Vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen sowie der Energiewirtschaft zeigt sich eine hohe Dynamik. Ist doch toll und eigentlich ein Grund zu feiern! Genauso wie die Tatsache, dass unser Pott laut Analyse des Regionalverbandes Ruhr eine in der Langzeitbetrachtung konstante und krisensichere Wirtschaftsleistung aufweisen kann. Zugleich dürfen wir uns über einen überproportional großen Frauenanteil im Ingenieurwesen an den Universitäten freuen und darüber, dass 2019 immerhin noch jeder vierte Azubi eine Tätigkeit im Handwerk aufnahm.

Wir haben es also faktisch geschafft, unseren industriellen Kern mit neuen Wirtschaftsfeldern zu verknüpfen. Wir haben offenbar Nachwuchs, der für alle Facetten brennen kann. Höchste Zeit also, die Tränen der vermeintlich verpassten Chancen aus den Augen zu wischen und den Abstiegs- zum Aufstiegskampf zu erklären. Wir können malochen, ranklotzen, anne Schüppe sein! Immer noch! Und das ganz ohne die hochgefährlichen Arbeitsbedingungen von einst und Kohlenstaub auf der weißen Wäsche an der Leine im Garten. Den Grubenhelden im Herzen tragend dürfen wir auch auf das Heute stolz sein. Kannste was, biste was! Wir sprechen nur eben nicht so laut darüber wie andere Regionen. Und genau diese Bescheidenheit macht unsere Heimat aus, oder?

Anna Hag

Anna Hag wurde 1982 in Gladbeck geboren. Sie studierte Medienwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik an der Ruhr-Universität Bochum und ist Journalistin aus Leidenschaft, aktuell bei Raufeld Medien. Sie liebt spannende Menschen, emotionale Geschichten – und das Ruhrgebiet.

Autorenzeichnung: © raufeld / Martin Rümmele

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