Pott-Stimmen

Wie ticken die Menschen im Ruhrgebiet? Um dieser Frage nachzugehen, haben die Forscherinnen und Forscher der Ruhr-Uni Bochum und des Instituts der deutschen Wirtschaft aus Köln nicht nur eine groß angelegte repräsentative Befragung durchgeführt, deren Ergebnisse Sie auf dieser Webseite spielerisch erkunden können. Teil des Projekts waren auch 20 Tiefeninterviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Ruhrgebiets. In ihnen wurden ausführlich Stimmungen, Meinungen und Einstellungen zu ihrer Heimatregion, zum sozialen Zusammenhalt, politischen Herausforderungen und der Mediennutzung erhoben.

Auf dieser Seite finden Sie ausgewählte Zitate der Interviewten jeweils in den Originalformulierungen. Redaktionelle Kürzungen oder Ergänzungen zur besseren Verständlichkeit haben wir durch [] kenntlich gemacht. Diese Aussagen sind nicht repräsentativ. Es lässt sich also nicht behaupten, dass „das Ruhrgebiet” genauso denkt wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gespräche. Doch geben sie einen guten Überblick über das Stimmungs- und Meinungsspektrum in der Region.

Wahrnehmung des Ruhrgebiets und seiner Bewohnerinnen und Bewohner

„Ich bin nicht gebürtig aus dem Ruhrgebiet, also ich habe mich ja sehr erstaunt, dass es so grün hier ist.”

„Also erstmal verbindet man mit dem Ruhrgebiet immer noch die Kohle und die Zechen. [Es ist aber] viel, viel grüner und positiver als allgemein angenommen wird.”

„Ich selber bin fasziniert von der alten Kultur von Stahl- und Kohlebau und bedauere auch sehr, dass das immer weniger wird. Find ich sehr, sehr schade. Ja und die Menschen, also ich erlebe das so […]: Die Menschen im Ruhrgebiet, die sind einfach freundlich und offen und geradeheraus.“

„Gut finde ich am Ruhrgebiet [...] die ganze Infrastruktur, dass man auch mal schnell mit Bus und Bahn überall hinkommt. Die meisten Leute sind auch sehr nett und freundlich. Das Kulturangebot ist sehr gut. Einkaufsmöglichkeiten hat man ja auch sehr viele. Weniger gut finde ich natürlich - aber das ist ja jetzt nicht nur hier - […] diese Verrottung der Innenstädte.”

„Die Städte sind sehr dreckig. Ich hatte sogar vor, an die Ostsee zu ziehen, aber leider sind die Mieten da so hoch. Also mir gefällt das Ruhrgebiet überhaupt nicht […] Ich finde, auch die Straßenzustände lassen zu wünschen übrig. Es wird gar nichts mehr gemacht, es vergammelt alles.”

„[…] Was mir natürlich auffällt und auch ganz gut gefällt, ist dieses Multikulti. Also dass das Ruhrgebiet quasi ein Ballungsgebiet ist für verschiedene Nationen, für verschiedene Kulturen. Ich meine, dass das schon größer ist als in anderen Regionen.”

„Failed districts, dafür gibt es gar kein deutsches Wort, also dass einfach gewisse Stadtteile wirklich den Bach runter gehen. Allen voran, klar, Marxloh, Altenessen, Dortmunder Nordstadt, wie die ganzen Brennpunkte heißen, Dinslaken-Lohberg […] Wenn ich […] mal Freunde aus anderen Ecken, Bekannte hier habe, die vielleicht noch nicht da waren, die sind zum Teil ganz schön geschockt. Das haben sie so vorher noch nicht gesehen, auch nicht in Berlin oder weiß der Teufel wo […] Ich hab mal in der Dortmunder Nordstadt gewohnt, ein Freund aus Kiel wollte dort nicht aussteigen.”

Politische und gesellschaftliche Probleme

„[Ich würde mir wünschen, dass] die Menschen mal nicht so viel meckern würden, dass sie mal über den Zaun gucken, wie es in anderen Ländern zugeht. Die Unzufriedenheit ist hier für meine Begriffe unverständlich hoch. Das kann ich nicht nachvollziehen und das ärgert mich.”

„[…] Die Mietpreise steigen hier auch recht schnell. Und weil ich es echt nicht erwartet hätte, dass ein Eigenheim so viel Geld kostet oder auch wenn man nur gute Mietwohnungen sucht, die ja eigentlich nur ihren Zweck des Wohnens erfüllen sollen, bin ich manchmal schon ziemlich baff. […] Für 30 Quadratmeter zahlt man dann aber 700 Euro warm oder noch mehr. Das finde ich dann schon heftig.”

„Problem würde ich im Sozialen sehen, dahingehend, dass wir eben Schwierigkeiten haben zu integrieren hier in Deutschland. Da fände ich bräuchten wir definitiv auch andere Gesetze, […] dass man hier einwandern darf. Die Gesetzeslage ist da so ein bisschen stark fokussiert in meinen Augen auf die Asylsuchenden. Aber eben die ganz reguläre Einwanderung, dass man die stärkt und vielleicht auch ein bisschen vereinfacht, um Pflegekräften etc. Einwanderung zu ermöglichen.“

„Wir haben vor Corona viel über das Klima geredet. Da gab‘s ein 16-jähriges Mädchen, was uns gesagt hat, was richtig und was falsch ist. Und das Zugpferd unserer Industrie, die Autoindustrie, wird abgeschafft. Auch durch Emissionsvorgaben der EU, wo auch einige Länder vertreten sind, die gar keine eigene Autoindustrie haben. Wohingegen zum Beispiel Frankreich oder Italien, die auch eine große Autoindustrie haben, gar nicht solche Fahrzeuge haben wie einen 7er-BMW. […] Also können die schön sagen, dass wir nur noch so und so viel CO2 ausstoßen dürfen. Und wir machen schön mit, was dazu führt, dass Mercedes seine Motoren zukünftig in China produziert - toller Fortschritt.”

„Es wird Politik an den Leuten vorbei gemacht. Man hört einfach nicht mehr die Basis und die Leute. In dem Zusammenhang find ich es auch gar nicht schlecht, wie man es beispielsweise in der Schweiz macht. Dass man wirklich zu gravierenden Themen auch mal ne Volksmeinung einhält und auch Volksabstimmungen macht. Die werden ja in der Schweiz auch berücksichtigt und umgesetzt.”

„Die ganze politische Landschaft hat sich verändert. Es gibt nicht mehr die beiden großen starken Parteien. Früher, wenn man wählen gegangen ist, hatte man eine Entscheidung zwischen CDU und SPD und alles andere war Splittergruppe. Heutzutage sieht das völlig anders aus. Die großen Volksparteien, in der Form wie es sie früher mal gab, gibt es im Moment nicht mehr. Und ich denke, das Problem ist einfach, dass selbst der politisch interessierte Mensch ein Problem hat, wenn er das nächste Mal zur Urne geht.”

„Ich würde mal sagen, Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem. Ich würde sagen, dass es auch ein großes Problem mit den Flüchtlingen ist. Ich würde gerne jedem Flüchtling helfen, aber es ist halt schwierig […], für jeden eine Arbeit zu finden. Wenn die Flüchtlinge hierherkommen, weil es ihnen in ihrem Heimatland schlecht geht, dass es denen dann irgendwann besser geht - ich weiß nicht, ob man das in Deutschland so gut regeln kann, weil das dann zu viele werden, dass man sich um jeden dann noch kümmern kann.”

Vertrauen in Medien

„Tja, die Medien. Das ist gar nicht so einfach, weil ich den Eindruck habe, dass sich die Objektivität verändert hat, dass die Journalisten teilweise nur einseitig berichten und ich glaube, dass die neuen sozialen Medien da einen ganz großen Einfluss ausüben […]. Ich hab manchmal den Eindruck, dass im Vordergrund die Belustigung des Publikums steht und gar nicht mehr so sehr die Information. Hauptsache, ich habe hohe Einschaltquoten.”

Also […] da bin ich froh, dass ich jetzt das auch auf mehreren Medien habe. Nicht nur [...] aus dem reinen Fernsehbericht. Denn da wird ja meistens eher nur so das Gute [aus der Politik] gezeigt, vor allem [von den] Öffentlich-Rechtlichen. Aber gerade, wenn ich mir so Dokumentationen zum Beispiel auch auf Youtube anschaue, dann zeigt das meistens, […] was da im Hinterzimmer auch passiert. Natürlich ist das jetzt nicht bei jeder Doku so. Nicht alle von Youtube sind jetzt automatisch besser und nicht alle im Fernsehen sind schlecht.”

„Jeder Blogger im Internet darf sich ja zu den Medien zählen und da ist es nicht immer ausreichend objektiv und mit Sicherheit auch nicht ausreichend kritisch und überhaupt objektiv richtig gesehen in der Berichterstattung.”

„Öffentlich-rechtliches Fernsehen, Tageszeitung, okay. Das ist was für Leute, die sich über ihre Meinungsbildung vielleicht noch Gedanken machen. Das große Problem ist der gute alte Freund Computer. Internet, Social Media usw. Da werden Meinungen auf eine Art kommuniziert, die nicht vernünftig ist und mit Inhalten, die keine große Bandbreite haben. In dem Moment, in dem ich mich im Internet informiere, habe ich keine Bandbreite, wie zum Beispiel in der Tageszeitung.”

„Die Medienvielfalt ist auf jeden Fall gegeben, egal ob Sie überregionale Tageszeitung oder regionale Tageszeitung [nehmen], ob die Presse im Fernsehen, verschiedene Fernsehsender, die sich [...] auf Nachrichten [spezialisieren]. Finde ich optimal, weil […] durch Berichterstattung gerade im Fernsehen kommen auch Themen hoch, die ansonsten nicht gekommen wären […] Keine Fake News, wie es immer von Amerika genannt wird. Das ist schon - sag ich mal - faire, offene und ehrliche Meinungsfreiheit und ich finde auch wahnsinnig wichtig, dass das gewährleistet ist.”

„Das sind die Lügenmedien. Das sind die Öffentlich-Rechtlichen. Ich bin auch dafür, dass die GEZ abgeschafft wird, aber ganz schnell. [Weil] ich nicht für sowas bezahlen möchte, wenn ich nur belogen werde und als Umweltsau bezeichnet werde, das war das Allerletzte. Kein Vertrauen, überhaupt kein Vertrauen in die Medien. Ich guck auch die Nachrichten gar nicht mehr. Wird alles nur für unsere Regierung schöngeredet.”

„Die Medienberichterstattung ist einseitig links ausgerichtet […] Sie können die Medien nehmen, wenn links etwas passiert, wird es totgeschwiegen. Und wenn rechts etwas passiert, wird ein Drama daraus gemacht. So einfach ist das.”

„Die Privaten werden mehr wirtschaftsgesteuert. [Wenn] man da irgendwo Sozialhilfeempfänger sieht, dann entsprechen die grundlegend den Klischees. Das sind dann Mamas, die ganz viel rauchen, da wird [...] sozialverächtlich draufgeguckt, also dass sie quasi mehr oder weniger selbst schuld sind, wenn sie in eine soziale Schieflage kommen. Natürlich gibt es solche Fälle auch. Aber mir gefällt dann die Sichtweise von ARD und ZDF wesentlich besser, weil die echt differenzierter sind.”

„Also ich glaube, wenn man Journalisten befragen würde, das ist ein extrem überprozentualer Anteil von SPD- und Grünen-Wählern und das vertritt sich natürlich auch in der Meinung.”

„Öffentlicher Rundfunk: bemüht. Privatfernsehen geht gar nicht. Und was Print angeht: geht auch nicht. Eigentlich nur noch einheitlich Schlagzeilen-mäßig.”

Sozialer Zusammenhalt

„Also am Anfang der Pandemie war es sehr auffällig, wie sehr die Menschen eigentlich zusammenstehen. Dann fällt mir das oft auf, wenn irgendwelche Unglücke passieren, wie hilfsbereit die Menschen sind und sofort bereit sind, auch zu helfen und zu unterstützen. Man redet so vieles vermeintlich schlecht, aber letztendlich, wenn es drauf ankommt, stehen die Menschen dann doch zusammen.”

„Kaum passiert einem dann mal was Schlechtes - man wird arbeitslos oder was auch immer -, wenden sich die meisten Leuten von einem ab und halten ihre Versprechen dann gar nicht ein oder melden sich auch gar nicht mehr. Und wenn man sie […] darauf anspricht, dann möchten die sich meistens nur rausreden, sagen 'Nein, ich kann jetzt nicht.’ Und ‘Ach, das kriegst du schon selber hin’. Und das ist dann für mich kein wirklicher Zusammenhalt.“

„Zusammenhalt gibt es. Aber nicht in dem Maße, in dem er beschrieben wird oder wie er versucht wird, den Leuten zu verkaufen. Das möchte ich bestreiten. Es gibt ihn, es gibt Menschen, die helfen. […] Wenn‘s aber hier losgeht - und da sage ich nur Toilettenpapier, Corona –, wenn‘s drauf ankommt und Dinge eng werden, dann […] ist jeder sich selbst der Nächste.”

Der soziale Zusammenhalt, also wenn wir das jetzt über die Jahrzehnte rechnen, ist er natürlich schlechter geworden. […] Auch wegen des Strukturwandels. Es gibt diese nachbarschaftlichen Gemeinschaften. Früher auf dem Land hat es die eh gegeben, klar, aber auch in den Städten hat es früher einen größeren nachbarschaftlichen Zusammenhalt gegeben. Die Leute kannten sich noch. […] In der normalen urbanen Wohngemeinschaft, Hochhäuser etc., da fallen diese Strukturen eben immer weiter weg. Die Leute vereinzeln und von einer Gemeinschaft ist da nicht mehr unbedingt zu sprechen.”

„Da muss man auch sehr vorsichtig sein, mit wem man über sowas redet, wie ich jetzt mit ihnen rede. Weil da bin ich schon ganz böse angeeckt. Und im Freundeskreis habe ich natürlich Leute, die gleicher Meinung sind, da kann ich mich darüber unterhalten, aber ansonsten ist die Gesellschaft sehr gespalten. Das macht es nicht besser […] Die einen glauben das, was da am Fernsehen und überall gezeigt wird, und die anderen denken so wie ich. Und das macht es ja nicht besser. Ich glaube, dass sonst schon sehr viele Menschen auf die Straße gegangen wären.”

„Also ich glaube einen sozialen Zusammenhalt gibt es, denn das hat gerade jetzt die Corona-Krise gezeigt. Wenn wir da nicht zusammengehalten hätten, dann wären wir heute in den Zahlen […] nicht so weit runtergekommen. Also das sage ich schon. Andererseits glaube ich, dass sich das Sozialverhalten total verändert hat gegenüber vor zwanzig Jahren. Ich finde schlimm, wenn ich den eigenen Nachbarn nicht mehr kenne. Das ist das Beispiel für mich.”

„Man sollte vielleicht mal aufhören, die Kinder auf Klassenfahrt in den Skiurlaub zu schicken, sondern eher mehr von Essen-Bredeney nach Altenessen. Das würde glaub ich mehr bringen für den Zusammenhalt. Mal die andere Seite kennenlernen.”

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